| Tag | Strecke | Distanz | Schnitt |
|---|---|---|---|
| 28.05.2000 | Berlin - Bad Freienwalde Köpenick - Erkner - Strausberg - Prötzel | 123,4 km | 18,0 km/h |
Am Samstag fahre ich mit dem Zug von Bochum nach Berlin. Am Abend radle ich noch durch Berlin und schaue mir die Veränderungen an. Am Potsdamer Platz sind die ersten Gebäude bezogen. Das Gebiet um den Reichstag ist noch eine große Baustelle. Das Bundeskanzleramt ist ein großer, abstoßender Bunker. Ich übernachte bei einem Freund in Moabit.
Sonntagmorgen um 10 Uhr geht es los. Zumindest am Wochenende lässt es sich in Berlin ganz gut radeln. An den größeren Ausfallstraßen sind in der Regel Fahrradwege vorhanden. Da die Straßen großzügig schon zu Kaiserszeiten angelegt wurden, ist genügend Platz für ausreichend breite Fahrradwege vorhanden. Die Nebenstraßen haben zwar keine Fahrradwege, aber da sie stark zugeparkt sind, liegt die Geschwindigkeit der Autos nicht wesentlich über der von Fahrrädern. Anfangs möchte ich auf dem Fernradweg R1 fahren. Dieser führt u.a. durch das Brandenburger Tor und „Unter den Linden“ entlang. Allerdings treffe ich den Weg nicht immer ganz, da die Ausschilderung dürftig ist. Am Rummelsburger See gerate ich in eine Sackgasse (Halbinsel Stralau). Der Radweg führt an der Spree entlang. Die Uferrandlage in dem ehemaligen Ostgebiet entwickelt sich zu einer gefragten Wohngegend.
An dem Sonntag sind viele Ausflügler unterwegs. Am Rand der Spree liegt ein riesiger Freizeitpark. Weiter geht es mit einer Fähre über die Spree, dann nach Köpenick und am „Großen Müggelsee“ vorbei. Am Müggelsee wird die Ausschilderung des R1 schon schlechter – danach finde ich keine Wegschilder mehr; den R1 gibt es dann nur noch als grünen Strich auf der Fahrradkarte.
Das Gelände ist meist mit Fichtenwald bedeckt und der Boden brandenburgisch sandig. Weiter geht es nach Erkner, wo sich große Weizenfelder ausbreiten. Die Landschaft ist leicht hügelig; dann geht es durch den Naturpark Märkische Schweiz. Bei Rehfelde verlasse ich den R1 und fahre in nördliche Richtung weiter.
Das Schloss Reichenow wird jetzt als Hotel genutzt und ist luxussaniert. Der Zustand steht im Kontrast zu den vielen verfallenen Gebäuden in Brandenburg. Die Dörfer wirken verschlafen und viele Gebäude werden wohl auch nicht mehr bewohnt. Vor Bad Freienwalde fahre ich 8 km auf einem Waldweg, wo außer Vögeln niemand zu hören oder zu sehen ist.
Bad Freienwalde ist ein alter Kurort. Die alten Kuranlagen und der Park sind in einem sehr guten Zustand und spiegeln die „gute alte Zeit“ wider. Der historische Schlosspark weist einen alten Baumbestand auf, das Schloss selbst ist aber eher unscheinbar. Die Jugendherberge liegt etwa 1 km abseits der Straße nach Eberswalde im Wald versteckt. Ich bin erst der einzige Gast, später kommt aber noch eine Studentengruppe hinzu.
| Tag | Strecke | Distanz | Schnitt |
|---|---|---|---|
| 29.05.2000 | Bad Freienwalde - Nowe Warpno Oderberg - Herzsprung - Schwedt - Garz - Rosow - Dołuje - Dobieszczyn | 157 km | 19,7 km/h |
Am nächsten Morgen führt der Weg am Bahnhof von Bad Freienwalde vorbei. Hier scheint die Zeit stillzustehen.
Durch das Niederoderbruch geht es nach Oderberg. Das Schiffshebewerk bei Niederfinow besuche ich in diesem Jahr nicht, da ich schon einmal dort war (Besuch empfehlenswert – zumindest für den, der sich für Stahlkonstruktionen begeistert). Hinter Oderberg begegne ich einem Kutscher, der schon Holz für den nächsten Winter beschafft.
Neben bewaldeten Flächen fahre ich hier an großen Feldern vorbei. Langsam lerne ich auch die verschiedenen Pflasterarten kennen. Während im Westen nur eine geringe Bandbreite an Straßenbelägen bekannt ist (entweder asphaltiert oder gepflastert mit Betonverbundsteinen), lernt der Radler im Osten die regionalen Straßenbaukünste kennen.
Das schlimmste Pflaster ist das „Katzenbuckelpflaster“. Das sind meist runde Steine, die die Gletscher in der Eiszeit mitgeschleppt haben. Um halbwegs voranzukommen, sucht man den schmalen Streifen zwischen unbefestigtem Seitenrand und dem Pflaster. Zum Glück findet man diesen Belag meist nur auf den Straßen innerhalb der Dörfer, ähnlich einer Verkehrsberuhigungsmaßnahme bei uns. Ansonsten sind verschiedene Ausführungen von Pflasteranordnungen zu finden. Natursteine (Granit) gibt es in verschiedenen Größen, und aus der DDR-Zeit stammen wohl die Großbetonsteine. Diese haben den Nachteil, dass sich die Kanten gesetzt haben, sodass an der Stoßstelle immer ein Versatz auftritt. Außerdem sind sie durch die Witterung im Laufe der Zeit abgenutzt, sodass immer mit einem größeren Schlag an der Stoßstelle zu rechnen ist.
Viele Landstraßen in schwach bevölkerten Gegenden sind noch im ursprünglichen Zustand und als Baumallee ausgebildet. In Stolpe bei Angermünde komme ich dann an die Oder – besser gesagt an den Oder-Havel-Kanal. Hier treffe ich auch auf den Oder-Neiße-Radweg. Der Radweg führt auf dem Deich neben dem Kanal entlang. Der Bau des Fernradwegs ist nach den Angaben auf den aufgestellten Schildern eine Wirtschaftsförderungsmaßnahme. Auf dem Deich habe ich ausgezeichneten Rückenwind und erreiche somit hohe Geschwindigkeiten. Allerdings geht der asphaltierte Bereich dann wieder in einen Betonplattenweg über. Die Beschilderung ist meistens mangelhaft, sodass nicht zu erkennen ist, ob ich den richtigen Weg eingeschlagen habe, zumal der Verlauf durch Neben- und Oderaltarme an einigen Stellen unübersichtlich wird. Fernradler gibt es in dem Gebiet nur wenige. Ich treffe einen Vater, der mit seinem Jungen unterwegs ist. Eine größere Stadt an der Oder ist Schwedt. Hinter Schwedt ist der Oder-Neiße-Radweg noch in der Entstehungsphase. Wenn man sich an den in der Karte eingezeichneten Verlauf hält, kommt man hinter Garz über unbefestigte schmale Wege an der Oder – oder besser deren Alt- und Entwässerungsarmen – entlang. Mit einem Trekkingrad komme ich dort einigermaßen durch.
Garz ist ein kleines Städtchen an der Oder. Hinter Garz bei Rosow überquere ich die Grenze nach Polen. Auffallend sind die Tankstellen und Läden, die mit großen Werbetafeln deutsche Grenzgänger zum Kauf von billigen Zigaretten und Tabak animieren wollen. Ich fahre Richtung Stettin, bleibe aber in der Nähe der Grenze und fahre somit im Halbkreis um Stettin herum. Die Dörfer sind hier noch ein bisschen einfacher als im benachbarten Brandenburg. Ich habe eigentlich vor, in Dobieszczyn wieder über die Grenze nach Deutschland zu fahren, aber ich habe das Kleingedruckte in der Karte nicht gelesen (der Grenzübergang ist erst geplant); dies wäre der letzte Übergang im nördlichen Grenzverlauf gewesen. 20 km zurückfahren möchte ich auch nicht. Die letzte Chance besteht in einer Fährverbindung, die bei Nowe Warpno in der Karte aufgeführt ist. Auch ist Nowe Warpno der letzte größere Ort im Grenzbereich. Also – go North. Die Route führt teilweise direkt an der Grenze entlang. Die Straße ist gepflastert (10x10 cm Granitsteine, das ist noch das beste Pflaster). Auf einer Strecke von 20 km kommen mir vielleicht 15 Fahrzeuge entgegen; bei einem so schwachen Verkehr ist das Pflaster auch noch in gutem Zustand. In Nowe Warpno finde ich eine Privatpension (Zimmer zu vermieten ist ausgeschildert), wo ich für 25 DM nächtigen kann. Da ich an dem Tag die längste Wegstrecke zurückgelegt habe, ist der Hunger groß. Mir wird das Restaurant „Elefant“ empfohlen. Ich bin der einzige Gast und habe hoffentlich das Personal nicht allzu sehr am Geldspielautomaten gestört. Auf der polnischen Speisekarte entziffere ich „Dorsz“ als Dorsch. Einen so lecker zubereiteten Fisch habe ich selten gegessen, super! Das Essen mit zwei großen Bier gibt es für 15 DM.
| Tag | Strecke | Distanz | Schnitt |
|---|---|---|---|
| 30.05.2000 | Nowe Warpno - Heringsdorf Altwarp - Ueckermünde - Bugewitz - Anklam - Usedom - Benz | 129,4 km | 18,1 km/h |
In Nowe Warpno besteht eine Fährverbindung nach Altwarp. An der Anlegestelle suche ich eine Kasse, die gibt es aber nicht. Die Überfahrt ist umsonst! Das Fährschiff ist als Supermarkt umgebaut worden, indem an Deck ein Schiffscontainer aufgestellt wurde und dieser als Supermarkt dient. Die Fähren verkehren halbstündlich, und der Andrang der Deutschen mit den Plastiktüten ist groß. Dann geht es an der Küste weiter nach Ueckermünde. Der Fahrradweg wird in der Karte Seenradweg und später Haff-Radfernweg genannt, und er ist anfangs gut ausgeschildert.
Aber dann werde ich hinter Bugewitz an der Nase herumgeführt; da sind wohl zu viele Radwege ausgeschildert und ich fahre im Kreis. Hinter Rosenhagen soll ein separater Radweg gebaut werden. Der derzeitige Zustand ist auf dem Foto dargestellt. In diesem Zustand traut sich kein Radfahrer auf den Weg, obwohl die Beschilderung schon vorhanden ist. In dem Sand ist kein Fortkommen. Also: wieder zurück und einen großen Bogen schlagen. Daher muss ich auf die stark befahrene Bundesstraße nach Anklam ausweichen.
In Anklam gibt es eine schmale Klappbrücke über die Peene, und der Radfahrer kann so das Zentrum des Ortes umgehen. Am Ortsende steht die fotografierte Mühle. Weiter geht es auf einem separaten Radweg an der B 109/110 in Richtung Usedom durch den Lipnower Wald; der Weg lässt sich gut befahren. Dann geht es über die Brücke am „Schwemmort“ zur Insel Usedom.
In dem „Usedomer Winkel“ bei Karnin stehen noch wesentliche Teile der Eisenbahnhubbrücke, die Usedom mit dem Festland verbunden hat. Die Brücke wurde Anfang der 30er Jahre gebaut, hat aber nicht lange gehalten. In den letzten Kriegstagen sind die Brückenpfeiler gesprengt worden. Erhalten geblieben ist der Hubteil; der Fahrweg konnte angehoben werden, um Schiffe passieren zu lassen. Hierfür waren Gegengewichte angebracht und eine Getriebeanordnung. Die Konstruktion ähnelt dem Schiffshebewerk in Niederfinow. Die Eisenbahntrasse war zweispurig und gestattete den Berlinern einen schnellen Wochenendtrip nach Usedom, zumindest für diejenigen, die sich das leisten konnten. Es war geplant, die Reste abzureißen, aber eine Bürgerinitiative hat das Bauwerk gerettet. Der ehemalige Bahnhof ist 1999 renoviert worden und wird jetzt als Museum genutzt, ein Besuch ist empfehlenswert.
Hinter Usedom fahre ich noch ein Stück auf der Bundesstraße 110 und nehme nicht den Haff-Radfernweg, der südlich verläuft, sondern fahre nördlich über Suckow, Neppermin und Benz. Der Straßenzustand ist gut, der Verkehr gering und es gibt keinen Gegenwind, was will man mehr.
| Tag | Strecke | Distanz | Schnitt |
|---|---|---|---|
| 31.05.2000 | Heringsdorf - Stralsund Koserow - Zinnowitz - Wolgast - Lubmin - Greifswald - Reinberg | 123,2 km | 17,5 km/h |
Am nächsten Morgen mache ich noch Bilder in Heringsdorf: Strand mit Strandkörben und der saubere, aufgeräumte Kurpark. Ich fahre weiter auf dem Ostseeküstenradweg dem Küstenverlauf folgend. Es geht anfangs rauf und runter durch den Wald auf der Landenge zwischen der Pommerschen Bucht und dem Achterwasser. Den Weg säumen langgezogene Campingareale. Auf der Strecke trifft man sehr viele Radler an, teilweise Fernradler oder Tagesausflügler, die die Insel erkunden.
Zur Stärkung laden Fischbrötchenstände ein. Zwei Brötchen verzehre ich beim zweiten Frühstück. Hinter Zinnowitz verlasse ich die Küste und fahre nach Wolgast. Die Radwege sind hier – wohl wegen des hohen Besucheraufkommens – bestens ausgeschildert und fahrradfreundlich.
In Wolgast besteht über den Peenestrom seit kurzem wieder eine direkte Zugverbindung zwischen der Insel und dem Festland. Die Eisenbahntrasse ist bis zur polnischen Grenze bei Ahlbeck ausgebaut, demnächst soll sie noch bis Swinemünde verlängert werden. Die Trassenkonstruktion an der Klappbrücke ist ganz interessant, da der Schienenstrang auf dem Klapp- und dem festen Teil verbunden werden muss.
Die sogenannte Traktionsfähre hat früher den Eisenbahnverkehr zwischen Wolgast und der Insel aufrechterhalten. Die Fähre wurde 1890 gebaut und wurde mit einer Dampfmaschine angetrieben. Als es sich zu DDR-Zeiten nicht mehr lohnte, den Antrieb zu reparieren, wurde die Fähre zuletzt – bis 1990 – von Schleppern gezogen. Aufgrund der Eröffnung der neuen Brücke findet im Rathaus eine Ausstellung über den Eisenbahnverkehr in der Region statt. Hinter Wolgast verläuft der Ostseeradweg erst nördlich am Küstenverlauf entlang. Man orientiert sich Richtung Tierpark. Die Ausschilderung ist wieder schlecht, aber hinter Kröslin ist der Streckenverlauf eindeutig. Auf dem Weg passiert man das ehemalige Atomkraftwerk Greifswald, das ein riesiger Komplex ist. Im ruhigen Badeort Lubmin lege ich eine kurze Pause ein.
Ab Neuendorf kommt man nicht umhin, auf der stark befahrenen Bundesstraße ohne Radweg zu fahren. Hier ist noch unbedingt ein geeigneter Weg für Radler notwendig! Diese Strecke zieht sich ca. 8 km hin. Am Ortsanfang von Greifswald gibt es einen Hinweis für Radler, sich rechts zu halten. Dann passiert man auch die abgebildete historische Klappbrücke. Auf dem Weg schlägt man einen Bogen um Greifswald. Hinter Greifswald wird es nochmal eng. Auf der Straße ist ein Höllenverkehr zum Einkaufszentrum; für Radler bleibt auf den ersten Kilometern ein schmaler Trampelpfad neben der Straße. Die nächsten 30 km sind etwas öde. Für die Bundesstraße ist komplett eine neue Trasse angelegt worden. Fahrradfahrer und Ortsverkehr fahren auf der alten Straße. Diese ist fast durchgehend gepflastert. Es ist zwar das bessere Pflaster (10x10 cm), aber es ist teilweise verwittert und durch früheren starken Verkehr verzogen und die Fugen ausgewaschen. Wenn man mit schmalen Reifen auf dem Belag fährt, ist man schon froh, wenn es auf einen glatteren Straßenbelag übergeht.
Dann kommt endlich Stralsund näher. In Stadtnähe gibt es nur noch eine Straße. Die Wege für den Radler sind in schlechtem Zustand; meistens kombiniert mit dem Fußweg, und der Weg besteht aus gebrochenen, abgesetzten Betonplatten, die schon bessere Zeiten gesehen haben. In Stralsund übernachte ich in der Jugendherberge, die hervorragend in dem alten Stadttor untergebracht ist.
| Tag | Strecke | Distanz | Schnitt |
|---|---|---|---|
| 01.06.2000 | Stralsund - Kühlungsborn Klausdorf - Barth - Zingst - Prerow - Graal-Müritz - Warnemünde - Heiligendamm | 140,5 km | 18,3 km/h |
Einen Vormittag halte ich mich noch in Stralsund auf. Stralsund ist eine interessante Hansestadt, deren Innenstadt trotz Stadtbränden, Krieg und Verfall ihre Ursprünglichkeit erhalten hat. Die Häuser aus verschiedensten Epochen – vom hanseatischen Backsteinbau über Jugendstilfassaden bis zur Bauhausarchitektur – geben ein harmonisches Gesamtbild wieder.
Im Bereich des Rathauses sind die Renovierungsarbeiten weit vorangekommen. Dagegen liegen weite Teile der „neueren“ Altstadt im Dornröschenschlaf und warten darauf, aufgeweckt zu werden. Empfehlenswert ist auch ein Besuch in dem Hafengelände, in dem noch einige alte Speicher und Lagergebäude stehen. Der besondere Charme Stralsunds liegt in dem Kontrast zwischen renovierten und verfallenen Gebäuden.
Von der Innenstadt aus geht es dann zuerst in nördliche Richtung. Der Ostseeradweg verläuft auf kleineren Wegen – teils asphaltiert oder unbefestigt oder mit DDR-Großplatten befestigt. Hinter Buschhausen geht es dann auf einer schwach befahrenen Straße nach Barth. In dieser Gegend nutzen auch viele Einheimische den Feiertag für eine Radtour. Hinter Barth führt der Weg auf einer Halbinsel weiter in Richtung der Insel Zingst. Der Radweg ist angenehm und verläuft parallel zu der offensichtlich nicht mehr genutzten Bahnstrecke. Das Festland ist mit der Insel über eine alte schmale sowie eine provisorische Schwimmbrücke verbunden. Der Radweg ist hinter den Brücken bei Bresewitz auf einem Deich angelegt, führt an dem Ort Zingst vorbei und dann weiter auf der Deichkrone an der Ostseeküste entlang. Der Weg ist prima asphaltiert und ideal zum Radeln. Hinter Prerow fahre ich auf kleinen Waldwegen durch den Darß. Der offizielle Radweg verläuft am Bodstedter Bodden entlang. Das Abweichen ist nicht so toll, da ich im trockenen Sand versacke und 1–2 km schieben muss.
Es geht dann auf dem schmalen Landstreifen „Fischland“ weiter, wobei der Weg wieder asphaltiert auf dem Deich verlegt ist. Allerdings kann man auf einem Teilstück derzeit nur die Straße oder den schlechten Fußweg benutzen, da die Straße erneuert wird. Hinter Dierhagen wird es dann wieder angenehm auf gut befahrbaren Deich- und Waldwegen. Hinter Graal-Müritz ist der weitere Fernradwegverlauf schlecht ausgeschildert, sodass ich erst ein Stück auf der stark frequentierten Straße nach Rostock fahre. Nach dem Abbiegen auf einem Waldweg in der Rostocker Heide finde ich den Radweg wieder. Es geht hier durch dicht bewaldetes Gebiet. Die letzten Kilometer vor Warnemünde verlaufen auf einem Radweg an einer größeren Straße. Der Seekanal in Warnemünde wird mit einer Fähre überquert. Der Rest der Tagesetappe verläuft auf kleinen, meist unbefestigten, aber ausreichend gut befahrbaren Wegen direkt an der Ostseeküste entlang.
Beeindruckend ist ein hoher Laubwald an der Küste, wobei die Bäume wegen des hoch beginnenden Blattwerkes wie Stelzen wirken. Die Nacht verbringe ich in dem Seebad Kühlungsborn – wieder einmal in der Jugendherberge. Besonderes Lob gebührt den Herbergsleitern, die das beste JH-Frühstück dargereicht haben, das mir bislang untergekommen ist (Brötchen, so viele man schafft, Marmelade, Wurst, Tomaten/Gurken, Obst, Quark). Und beim Radfahren schmeckt das Frühstück ja doppelt gut. In Kühlungsborn fährt die Schmalspurdampflok „Molli“, die ich aber aus Zeitmangel nur akustisch aus der Ferne wahrnehme.
| Tag | Strecke | Distanz | Schnitt |
|---|---|---|---|
| 02.06.2000 | Kühlungsborn - Ratzeburg Rerik - Blowatz - Wismar - Gadebusch - Ratzeburg | 110,7 km | 16,7 km/h |
Hinter Kühlungsborn geht es dann in südwestlicher Richtung weiter. An diesem Tag habe ich heftigen Gegenwind, der in Küstennähe am ausgeprägtesten ist. An seichten Anstiegen sinkt die Fahrtgeschwindigkeit sogar unter 10 km/h, sodass an diesem Tag auch mehr Erholungspausen notwendig sind. Der Radweg ist ganz gut angelegt – oft auf eigenen Wegen – und gut ausgeschildert, wenn nur der Gegenwind nicht wäre. Das Küstenhinterland wird landwirtschaftlich mit großen Feldern genutzt, wobei meistens Raps angebaut wird.
In der Hansestadt Wismar folgt eine kurze Stadtbesichtigung. Wismar hat in der Altstadt viele historische Gebäude und Kirchen – zumeist in Backsteinarchitektur.
Einige Kilometer vor Ratzeburg kommt man in die alten Bundesländer zurück. Den ehemaligen Grenzverlauf kann man nur noch ahnen, da auf einem Teilstück die Straßenbäume fehlen. Der Ort Ratzeburg liegt landschaftlich sehr reizvoll im Waldgebiet und an dem gleichnamigen See. Der Kontrast zu den Orten in den neuen Bundesländern – kein verfallenes Gebäude – ist schon auffällig. Ansonsten finde ich an dem Ort selbst nicht viel, was man gesehen haben muss. In der Jugendherberge ergattere ich wegen des verlängerten Wochenendes den letzten Platz. Trotz Vollbelegung des Zimmers (8 Personen auf ca. 20 m²) kann ich aufgrund der Anstrengung, des abendlichen Bieres und des Fehlens eines besonders guten Schnarchers ganz gut durchschlafen.
| Tag | Strecke | Distanz | Schnitt |
|---|---|---|---|
| 03.06.2000 | Ratzeburg - Hamburg Mölln - Gülzow - Geesthacht - Bergedorf | 113,3 km | 18,5 km/h |
Da ich den Zug am Abend dieses letzten Tages gebucht habe, habe ich mich für einen Umweg am Elbe-Lübeck-Kanal entlang entschieden. Zuerst bin ich nach Mölln gefahren. Auf der Suche nach dem am wenigsten befahrenen Weg habe ich mich noch in dem Kreisforst verfahren und habe einige Rehe aufgeschreckt. Den Kanal habe ich in Mölln erreicht. Der Kanalleinpfad ist auch Teil des Fernradweges „Alte Salzstraße“. Der Kanalweg ist nur teilweise befestigt. Die Oberfläche ist oft holprig, aber ausreichend fest, um noch recht gut voranzukommen.
Unterwegs treffe ich auf eine Seilfähre, an der sich die Fähre von der einen zur anderen Kanalseite hangelt.
Unterwegs am Kanal fällt mir ein starkes Schleifen auf, das beim Bremsen am Hinterrad auftritt. Das Geräusch ist nicht nur auf die gebrochene Speiche und die daraus resultierende leichte Acht zurückzuführen. Die Suche zeigt, dass die Felge in radialer Richtung einen Riss hat, und oberhalb des Risses drückt der Mantel den eingerissenen Felgenbereich nach außen. Die Konsequenz ist: möglichst nicht mehr hinten bremsen und einen glatteren Weg aufsuchen, in der Hoffnung, dass die Felge es noch bis Hamburg durchhält, zumal es bereits Samstagmittag ist und Ersatz nicht in greifbarer Nähe scheint. Schließlich finde ich noch unerwartet in Bergedorf am Samstagnachmittag einen fleißigen Fahrradhändler, der passenden Ersatz hat. Damit geht die Zahl der Originalteile an meinem Rad weiter gegen Null, zumal kurz nach der Ankunft in Bochum auch noch eine Sattelfeder des Brooks-Sattels bricht...
...und es folgt der letzte Akt. Am Hamburger Hauptbahnhof bin ich recht pünktlich, sodass vorher auch noch Zeit für ein Essen bleibt. Mit dem Guten-Abend-Ticket, das am Samstag bereits ab 14 Uhr genutzt werden kann, kommt man recht günstig weg. Die Rückfahrt verläuft entspannt, und selbst das Umsteigen in Dortmund (3 Minuten Aufenthalt) klappt problemlos, da beide Züge am gegenüberliegenden Bahnsteig halten und die Fahrradabteile auf einer Höhe liegen.